Buch

" Jenseits der Fremde "





Jenseits der Fremde

 

Saleh Khalil Srouji

Gedichte, Arabisch-Deutsch,
96 S., 13 Abb. (Kalligraphien)
 Format 13 x 20,5 cm
ISBN: 3-928591-91-6



Vorwort

zum Gedichtsband „Jenseits der Fremde“

Fremde, Entfremdung – das ist gegenwärtig gewiss das zentrale Thema arabischer Dichtung. Der wohl bedeutendste palästinensische Dichter, Mahmud Darwish, hat eine seiner großen Gedichtsammlungen diesem Thema gewidmet: „Das Bett der Fremden“, „sarir al-gharibah“, ein Werk, mit dem er grenzüberschreitend scheinbar unvereinbare Kulturen und Figuren zu einer gemeinsamen Erinnerungs- gemeinschaft zusammenführt.

Um Fremde – nicht im Sinne einer Verlustwahrnehmung, sondern im Sinne eines bereichernden Überall-zuhause-Seins geht es auch dem jungen Dichter, dessen Sammlung auf deutsch und arabisch mit diesem Buch vorgelegt wird. Saleh Srouji ist wie Mahmud Darwish im Staat Israel aufgewachsen und kennt sich in den beiden Kulturen des Landes gleichermaßen aus, weiß damit auch wie Darwish von der entwurzelnden Situation des Exils im eigenen Land. Saleh Srouji hat sich, nachdem er zunächst ein Studium der Anglistik in Bamberg angenommen hatte, den arabischen Studien zugewandt und sich zunächst als Chronist der palästinensischen Gegenwartskultur einen Namen gemacht: er reichte 1993 eine Doktorarbeit über einen avantgardistischen Erzähler und Dramatiker ein, der wie er selbst aus Galiläa stammt und der in beispielhafter Weise die Herausforderung der Fremdheit angenommen hat: Emil Habibi. Dessen Hauptwerk, „Der Peptimist oder Von den seltsamen Vorfällen um das Verschwinden Saids des Glücklosen“ wurde in einem Bamberger Seminar ins Deutsche übersetzt, an dem Saleh Srouji maßgeblich beteiligt war.

Mit Habibi teilt Saleh Srouji nicht nur die Herkunft. Er teilt mit ihm auch seine Einsicht in die Situation des irreversiblen Exils, gleichgültig ob in oder außerhalb der angestammten Heimat. Die von Habibi (am Anfang seines zweiten Romans „Das Tal der Djinnen“ aufgeworfene Frage könnte auch die von Saleh Srouji sein: „Sollte etwa mein Vertrauen in unsere Freiheit erschüttert sein, uns in diesem Land nach diesem Land zu sehnen – in Haifa nach Haifa?“

Prof. Dr. Angelika Neuwirth

Freie Universität Berlin

Vorwort des Autors:

Die Botschaft der Literatur und der Kunst war, ist und wird immer eine Botschaft der unermüdlichen Suche nach einem menschenwürdigen Dasein in all seinen Facetten sein. Und die Mitteln dafür sind unterschiedlich und reichlich.

Ich versuche durch meine Poesie eine Stimme in die Welt hallen zu lassen, eine Stimme der Freiheit, des Friedens und nicht zuletzt der Liebe - die höchste aller Anstrebungen der menschlichen Seele.

Dieser Trilogie gehört meine ganze Sehnsucht. Und für diese Aufgabe griff ich nicht nur auf die Sprache zurück, sondern auf die Musik in der Sprache. Denn Sprache ist in ihrer Ursprung ein Klang. Ich bin in der glücklichen Lage diesen Klang, in zwei Tonlagen spielen zu können, in zwei Stimmen sprechen zu lassen und in zwei Kulturen fließen zu lassen, um zu verkünden, was mich in dieser unruhigen Zeit innerlich tief bewegt. Ich tat und tue dies, um laut zu sagen, dass das Recht aller Menschen auf ein menschenwürdiges Leben höchste Priorität hat und dieses zu bewahren gilt, Kriege zu verdammen sind und dass die Liebe keine Grenzen kennt, auch wenn sich die Farben der Menschen und deren Sprachen voneinander unterscheiden. Die Vielfalt der Kulturen verschiedener Völker bildet insgesamt ein umfassendes, humanes und universelles Erbe, das schließlich in das eine und weite Meer der Menschheit mündet.

Mit diesem Buch möchte ich gleichzeitig einen Beitrag leisten, gegen die in den letzten Jahrzehnten immer lauter gewordenen Stimmen, die uns durch ihre „Schwarzmalerei“ beweisen und belehren wollen, dass wir uns mitten in einem „Kampf der Kulturen“ befinden würden. Der „Kampf der Kulturen“ ist die Erfindung derer, die aus religiösen, geopolitischen und vor allem wirtschaftlichen Gründen großes Interesse daran haben, dass dieser „Kampf“ tatsächlich stattfindet, um ihre kurzsichtigen und oftmals lebensverachtenden Zielen zu erreichen.

Ich sehe meine Verantwortung darin, das zu Verbindende zwischen den Menschen, den Kulturen und den Religionen und nicht das Trennende zu suchen. In unseren Köpfen, in unseren Vorstellungen ist oft vieles fest verankert, wenn wir beginnen, über Andere Urteile zu fällen..

Das Fremde entsteht durch das Nichtwissen über „die Anderen“. Die mangelnde Information führt dazu, dass wir uns bedroht fühlen. Diese Bedrohung löst Ängste aus. Durch dieses Gefühl der Bedrohung und die daraus resultierende Angst entstehen unsere Vorurteile, unsere Ablehnungen und gar Feindbilder. Um alte Einstellungen korrigieren und psychische Barrieren überwinden zu können, brauchen wir das ausreichende Wissen über den Anderen, den Fremden, die direkte Begegnung und das Akzeptieren des Anderen in seiner Art und Mentalität, um ihn als Bereicherung und Erweiterung der zwischen- menschlichen Beziehungen wahrnehmen zu können.

Mit meinem Buch möchte ich eine Brücke schlagen zwischen dem Land der Philosophen und Dichter und dem Land der Propheten, als Beitrag zur Annährung und als eine Möglichkeit der Verständigung zwischen den verschiedenen Menschen, Religionen und Kulturen.

Bewusst habe ich die Poesie als literarische Gattung gewählt, weil sie mir erlaubt, durch ihre Intensität, Knappheit und durch ihre Metaphern, insbesondere in der arabischen Sprache, die Gefühlswelt und die Seele der Menschen auf das Äußerste anzusprechen.

In meinen Texten versuche ich auf die inneren Strukturen der Menschen einzugehen und ihnen Zeit und Raum zu verschaffen, damit sie sich von Innen nach Außen oder umgekehrt frei bewegen können. Dazu baue ich für sie die eine oder andere Brücke, damit sie ihre eigene Grenze überschreiten können.

Das Buch ist in vier Kapiteln aufgeteilt, die sich thematisch überschneiden können und dürfen.

Beim Schreiben genieße ich mancherlei Freiheiten: Mal schreibe ich von links nach rechts und mal von rechts nach links. In der Mitte vermischen sich dann die Sprachen und kommen sich näher. Ich nehme auch keine Rücksicht auf Zeitformen. Ab und an „breche“ ich die Zeit und lasse die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit fallen, auf der Suche nach einer „unbefleckten“ Zeit. Ich profitiere von der absoluten Freiheit, als Verfasser beider Sprachen, meine Texte nicht wortwörtlich übersetzen zu müssen. Die Übersetzung ist schließlich, wie es so schön heißt, ein „süßer Verrat“. Dennoch war ich stets bemüht, ein adäquates Pendant, insbesondere der Metaphern in der jeweiligen anderen Sprache, zu finden.

Aus „Jenseits der Fremde“, Saleh Srouji